Kassieren macht Spaß. BHs aufhängen, Schlüpfer sortieren, heraus zu finden, warum man manche Baumwollartikel bei 40 und andere bei 60 Grad wäscht auch. Und sicher kann man dabei einiges fürs Leben lernen. Nur manchmal ist der Umgang mit den Kunden, mit einigen speziellen Kunden wohlgemerkt, etwas ... an der Grenze zwischen 08/15 Verkäufer-Käufer-Moment und Gesprächen, wie man sie eigentlich eher mit Ärzten oder Therapeuten führt ... will heißen: Privat. Geheim. Vertraulich. Manchmal werden diese Grenzen aufgehoben. Und dann sind die Berufsbilder von Einzelhandelskauffrauen und Sozialpädagoginnen (bzw. Einzelhandelskaufmännern und Sozialpädagogen) gar nicht mehr so weit voneinadner entfernt.
Da fällt mir spontan die Begegnung mit einem älteren Herren ein. Er war unverkennbar ein Franke, leicht schüchtern und er kaufte eine Schürze. Ein türkis-weiß gemusterte Damenschürze. Hätte er nichts weiter dazu gesagt, hätte er einfach seine Schürze bezahlt und genommen, ich hätte mir so gar nichts dabei gedacht. Hätte. Die Farbe sei aber schön, murmelte er und spielte dabei auf das Türkis der Schürze an. Er kaufe sich gerade alles in dieser Farbe und finde die ganz toll! Und überhaupt: Sei das eigentlich eine Einheitsgröße? Auf meine Bejahung und die Anregung, sie doch einmal anzuhalten, ob sie passe, meinte er nur: Ach neee, die sei nur zur Dekoration: "Mei, die häng i mir an die Wand!". Dasselbe habe er auch schon mit einem Kleid (?) getan und das sei super angekommen. Okay.
Zwei Tage später steht dersselbe Kunde wieder vor mir. Seine Ware: Eben jene türkis-weiß gemusterte Damenschürze. 1:1. Ich war baff. Ob das eine Einheitsgröße sei, begrüßte er mich. Ojee.. Ja, das sei es, antworte ich. Bevor ich noch weiter gesprochen hatte meinte er (wie um meiner Anregung vom letzten Male vorzubeugen): Eh egal, die sei für eine weibliche Bekannte. "Und wenn die Weiber zu fett san, müssens halt abnehm´, so aanfach, is des!" Worauf ich mir auf die Lippen biss, ihm das Wechselgeld geräuschvoll auf den Tresen legte und mir das "Schönen Tag noch!" merklich verkniff.
Selbst schuld, dachte ich mir am Abend, als ich meinen Freunden davon erzählte und wir gemeinsam darüber sannen, was wohl der tatsächliche Anlass für die Schürzeneinkäufe gewesen sein mochte. Selbst schuld, dass er immer ein Gespräch anfängt und sich darin verhaspelt, statt einfach zu zahlen und wieder zu gehen. Selbst schuld, dass er immer in meiner Schicht kommt. Und selbst schuld, dass er alles toppen musste, als er in der Woche darauf ein drittes Mal am Tresen erschien und wieder diesselbe Schürze gleich in zweifacher Ausführung kaufte (diesmal jedoch ohne Kommentar). Selbst schuld: Nun hat er zwar mindest 4 türkis-weiß gemusterte Damenschürzen, ist aber nun Gegenstand meines Blogeintrages.
Dann wäre da noch Frau D. Frau D. verfügt über eine äußerst lautstark zu bezeichnende Stimme gerne und belästigt ihre Mitmenschen damit aus Leidenschaft. Sie meint, dass sei gottgegeben. Tobende Jugendliche sind ihr ein Gräuel. Schwarze Pullover erst! (Schwarz ist die Farbe des Bösen und nicht gottgewollt.) Ausländer, pardon, Menschen mit Migrationshintergrund auch. Dies wäre endlos fort zu führen. Doch eines steht sicher im oberen Drittel ihrer Liste: Kassiererinnen.
Ich bediente gerade eine Kunde, da ertönte aus einer hinteren Ecke des Kaufhauses ihr Geschrei. Wie gesagt, sie schimpft auf alles und jeden, bezeichnet sich als Kind Gottes, das den wahren Weg kenne und auf Erden leidet, um später einmal erlöst zu werden. Keiner könne sie vom wahren Wege abbringen und wehe dem, der es zu versuchen droht! So weit, so unter "Privatangelegenheiten anderer Menschen" abzubuchen. Nur kam ich durch ihr plötzlich aufflammendes Gebrüll ganz schön in Konzentrationsschwierigkeiten. Ich schaffte es gerade noch, einer Kundin den richtigen Wechselgeldbetrag auszuzahlen, da sah ich im Augenwinkel, dass sie sich an meiner Kasse anstellte. "Himmel!", dachte ich, und dieser Gedanke hätte ihr sicher gefallen. Zum Glück stand eine Kollegin neben mir und gab mir im wahrsten Sinne Rückendeckung.
Die hatte ich auch bitter nötig, wie sich heraus stellte. Denn während meine Kollegin die Frau mit Beschwichtigungen wie: "Frau D., bitte beruhigen Sie sich und hören Sie auf, die Kunden weiter zu belästigen" zu mäßigen versuchte, beging ich einen Fehler: Ich verwechselte ihren Stoffbeutel, den sie gerade einzustecken versuchte, mit einem der Hemden von unseren Wühltischen. Ich spürte schon die ersten Aschebrösel, die sich auf mein Haupt ergossen noch bevor mich ihre giftige Augen trafen. Sie flippte komplett aus, schmiss ihre Taschen auf den Tresen und forderte mich auf, den "Beweis für ihre Sünde" zu erbringen. "WELCHES HEMD??" Auweia.
Trotz mehrmaliger Entschuldigen und Erklärungsversuche: Es half nicht. Sie begann am Ende bitterlich und mitleidheischend zu weinen und als auch das nichts half giftete sie mich an. Ich hätte ein ganzes schlechtes Karma und sei ein ganz schlechter Mensch. Sie als Kind Gottes würde doch schon genug leiden auf Erden, aber dass ich sie zum Weinen brächte, dass wäre zu viel. Von mir würde sie sich nicht mehr bedienen lassen. Meine Kollegin, die vergeblich versuchte, die Frau zu beruhigen, atmete schon erleichtert auf in der Hoffnung, Frau D. nun für immer los zu sein. Doch Fehlanzeige. Von nun an, so Frau D., würde Sie sich nur noch von meiner Kollegin bedienen lassen wollen.... Na prima.
Am Ende tauchte sie noch geschlagene weitere drei Mal auf um sich zu beschweren und uns, inszwischen war die gesamte Abteilung mit einbezogen, davor zu warnen, sie vom rechten Wege abbringen zu wollen. Das würde nämlich nicht gelingen. Selbst die Drohungen anderer Kollgen, sie würde mit ihrem Verhalten noch in der buchstäblichen Hölle landen, prallten von ihr ab. Als sie endlich ging war ich fix und fertig und innerlich aufgewühlt. Nun weiß ich, wie es sich anfühlt wenn man innerlich zittert und gleichzeitig permanent halb-hysterisch grinsen muss.
Nach all diesen Erfahrungen in so kurzer Zeit und in stäniger Erwartung, Frau D.´s schrille Stimme wieder zu vernehmen oder wieder eine dieser türkis-weiß gemusterten Damenschürzen verkaufen zu müssen, dachte ich bei mir: Eigentlich fehlt jetzt nur noch jemand mit offensichtlich zur Schau gestellten körperlichen Leiden. Entgegen Frau D.´s Karmaanalysen meinerseits muss ich doch einen ganz pasablen Draht nach oben haben, denn dieser Wunsch wurde mir glatt erfüllt. Es erschien mir so zu sagen eine Mitt-Fünfzigerin mit Unterwäsche-Tick, die mich offen fragte, welche Art Unterwäsche man bei einen Pilzinfektion zu empfehlen wüsste (denn unter eben jener leide sie, nachdem sie kürzlich ihre Ernäherung - die zuvor nur aus Cappuccino und Schokolade bestanden habe - umgestellt hätte). Cool bleiben, neutral, höflich, distanziert, mahnte ich mich. Alles in Ordnung. Nun, am Besten kochbare, war mein Tipp. Nein, dass hätte ich nicht tun sollen. Ich hätte nicht anfangen sollen, sie zu beraten. Denn damit begnügte sie sich nicht, sondern begann mich ohne Ende zu löchern..... Kurz: Es wurde ein laaanger Abend. Ich musste mich mit zutraulichen Fragen abfinden, musste sie in aller Höflichkeit zurecht weisen, dass es sie nichts anginge, welche Art von Unterwäsche ich trage und ich lernte den Unterschied zwischen Baumwolle, die man bei 40° und jener die man bei 60° kocht...
Ich weiß nicht, ob all diese Sachen Zufall waren. Eigentlich glaube ich es nicht. Sicherlich enthalten all diese Begegnungen eine Essenz, die ich noch nicht ganz abgefiltert habe. Es war amüsant, dass muss ich zugeben. Zumindest hinterher. Und natürlich begegnet man jeder Menge anderer Menschen, von deren Schicksalen und privaten Zuständen man ein wenig mitbekommt. Da sind lustige kleine Anekdoten darunter, aber auch traurige. Und es war wirklich interessant, dieser Ausflug ins Verkäuferdasein. So interessant, dass ich nun öfter dort arbeiten werde... Denn es ist nett, mit Menschen in Kontakt zu kommen, wenn dieser Kon-takt auch manchmal etwas weniger intensiv ausfallen könnte. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel und ehrlich - dass ist doch auch ganz gut so.
In diesem Sinne: Baumwolle on!
