Mittwoch, 19. März 2008

"Mei, die häng i mir an die Wand!"

Ich habe einen zweiwöchigen intensiven Ausflug in den Einzelhandel hinter mir. In einem großen Kaufhaus meiner Wahlheimatstadt habe ich in der Unterwäscheabteilung gejobbt. Ob es an der Abteilung lag, dass es mir erstaunlich viel Spaß gebracht hat? Sicherlich. Denn an die neue Frühjahrskollektion kommt man in der Haushaltwaren- oder Tabakwarenabteilung offensichtlich schwerer heran. Aber zu einem großen Teil verdanke ich diese tolle Zeit auch einem tollen Team um mich herum und der beglückenden Tatsache, nicht mehr nur im Nirwana zwischen abgegebener Magisterarbeit auf der einen und noch in weiter Ferne befindlichen Prüfungen auf der anderen Seite scheinbar nutzlos im Haus herum zu schleichen. Meine Freundin (sie ist Sozialpädagogin) meinte neulich am Frühstückstisch zu mir: Eigentlich ein klasse Job. Man kommt nahe mit Menschen zusammen, aber nicht so nahe, als dass man sich mit ihren Problemen beschäftigen müsse. Mein darauffolgendes naives Bejahen lässt mich heute auflachen.

Kassieren macht Spaß. BHs aufhängen, Schlüpfer sortieren, heraus zu finden, warum man manche Baumwollartikel bei 40 und andere bei 60 Grad wäscht auch. Und sicher kann man dabei einiges fürs Leben lernen. Nur manchmal ist der Umgang mit den Kunden, mit einigen speziellen Kunden wohlgemerkt, etwas ... an der Grenze zwischen 08/15 Verkäufer-Käufer-Moment und Gesprächen, wie man sie eigentlich eher mit Ärzten oder Therapeuten führt ... will heißen: Privat. Geheim. Vertraulich. Manchmal werden diese Grenzen aufgehoben. Und dann sind die Berufsbilder von Einzelhandelskauffrauen und Sozialpädagoginnen (bzw. Einzelhandelskaufmännern und Sozialpädagogen) gar nicht mehr so weit voneinadner entfernt.


Da fällt mir spontan die Begegnung mit einem älteren Herren ein. Er war unverkennbar ein Franke, leicht schüchtern und er kaufte eine Schürze. Ein türkis-weiß gemusterte Damenschürze. Hätte er nichts weiter dazu gesagt, hätte er einfach seine Schürze bezahlt und genommen, ich hätte mir so gar nichts dabei gedacht. Hätte. Die Farbe sei aber schön, murmelte er und spielte dabei auf das Türkis der Schürze an. Er kaufe sich gerade alles in dieser Farbe und finde die ganz toll! Und überhaupt: Sei das eigentlich eine Einheitsgröße? Auf meine Bejahung und die Anregung, sie doch einmal anzuhalten, ob sie passe, meinte er nur: Ach neee, die sei nur zur Dekoration: "Mei, die häng i mir an die Wand!". Dasselbe habe er auch schon mit einem Kleid (?) getan und das sei super angekommen. Okay.


Zwei Tage später steht dersselbe Kunde wieder vor mir. Seine Ware: Eben jene türkis-weiß gemusterte Damenschürze. 1:1. Ich war baff. Ob das eine Einheitsgröße sei, begrüßte er mich. Ojee.. Ja, das sei es, antworte ich. Bevor ich noch weiter gesprochen hatte meinte er (wie um meiner Anregung vom letzten Male vorzubeugen): Eh egal, die sei für eine weibliche Bekannte. "Und wenn die Weiber zu fett san, müssens halt abnehm´, so aanfach, is des!" Worauf ich mir auf die Lippen biss, ihm das Wechselgeld geräuschvoll auf den Tresen legte und mir das "Schönen Tag noch!" merklich verkniff.


Selbst schuld, dachte ich mir am Abend, als ich meinen Freunden davon erzählte und wir gemeinsam darüber sannen, was wohl der tatsächliche Anlass für die Schürzeneinkäufe gewesen sein mochte. Selbst schuld, dass er immer ein Gespräch anfängt und sich darin verhaspelt, statt einfach zu zahlen und wieder zu gehen. Selbst schuld, dass er immer in meiner Schicht kommt. Und selbst schuld, dass er alles toppen musste, als er in der Woche darauf ein drittes Mal am Tresen erschien und wieder diesselbe Schürze gleich in zweifacher Ausführung kaufte (diesmal jedoch ohne Kommentar). Selbst schuld: Nun hat er zwar mindest 4 türkis-weiß gemusterte Damenschürzen, ist aber nun Gegenstand meines Blogeintrages.


Dann wäre da noch Frau D. Frau D. verfügt über eine äußerst lautstark zu bezeichnende Stimme gerne und belästigt ihre Mitmenschen damit aus Leidenschaft. Sie meint, dass sei gottgegeben. Tobende Jugendliche sind ihr ein Gräuel. Schwarze Pullover erst! (Schwarz ist die Farbe des Bösen und nicht gottgewollt.) Ausländer, pardon, Menschen mit Migrationshintergrund auch. Dies wäre endlos fort zu führen. Doch eines steht sicher im oberen Drittel ihrer Liste: Kassiererinnen.


Ich bediente gerade eine Kunde, da ertönte aus einer hinteren Ecke des Kaufhauses ihr Geschrei. Wie gesagt, sie schimpft auf alles und jeden, bezeichnet sich als Kind Gottes, das den wahren Weg kenne und auf Erden leidet, um später einmal erlöst zu werden. Keiner könne sie vom wahren Wege abbringen und wehe dem, der es zu versuchen droht! So weit, so unter "Privatangelegenheiten anderer Menschen" abzubuchen. Nur kam ich durch ihr plötzlich aufflammendes Gebrüll ganz schön in Konzentrationsschwierigkeiten. Ich schaffte es gerade noch, einer Kundin den richtigen Wechselgeldbetrag auszuzahlen, da sah ich im Augenwinkel, dass sie sich an meiner Kasse anstellte. "Himmel!", dachte ich, und dieser Gedanke hätte ihr sicher gefallen. Zum Glück stand eine Kollegin neben mir und gab mir im wahrsten Sinne Rückendeckung.

Die hatte ich auch bitter nötig, wie sich heraus stellte. Denn während meine Kollegin die Frau mit Beschwichtigungen wie: "Frau D., bitte beruhigen Sie sich und hören Sie auf, die Kunden weiter zu belästigen" zu mäßigen versuchte, beging ich einen Fehler: Ich verwechselte ihren Stoffbeutel, den sie gerade einzustecken versuchte, mit einem der Hemden von unseren Wühltischen. Ich spürte schon die ersten Aschebrösel, die sich auf mein Haupt ergossen noch bevor mich ihre giftige Augen trafen. Sie flippte komplett aus, schmiss ihre Taschen auf den Tresen und forderte mich auf, den "Beweis für ihre Sünde" zu erbringen. "WELCHES HEMD??" Auweia.

Trotz mehrmaliger Entschuldigen und Erklärungsversuche: Es half nicht. Sie begann am Ende bitterlich und mitleidheischend zu weinen und als auch das nichts half giftete sie mich an. Ich hätte ein ganzes schlechtes Karma und sei ein ganz schlechter Mensch. Sie als Kind Gottes würde doch schon genug leiden auf Erden, aber dass ich sie zum Weinen brächte, dass wäre zu viel. Von mir würde sie sich nicht mehr bedienen lassen. Meine Kollegin, die vergeblich versuchte, die Frau zu beruhigen, atmete schon erleichtert auf in der Hoffnung, Frau D. nun für immer los zu sein. Doch Fehlanzeige. Von nun an, so Frau D., würde Sie sich nur noch von meiner Kollegin bedienen lassen wollen.... Na prima.

Am Ende tauchte sie noch geschlagene weitere drei Mal auf um sich zu beschweren und uns, inszwischen war die gesamte Abteilung mit einbezogen, davor zu warnen, sie vom rechten Wege abbringen zu wollen. Das würde nämlich nicht gelingen. Selbst die Drohungen anderer Kollgen, sie würde mit ihrem Verhalten noch in der buchstäblichen Hölle landen, prallten von ihr ab. Als sie endlich ging war ich fix und fertig und innerlich aufgewühlt. Nun weiß ich, wie es sich anfühlt wenn man innerlich zittert und gleichzeitig permanent halb-hysterisch grinsen muss.

Nach all diesen Erfahrungen in so kurzer Zeit und in stäniger Erwartung, Frau D.´s schrille Stimme wieder zu vernehmen oder wieder eine dieser türkis-weiß gemusterten Damenschürzen verkaufen zu müssen, dachte ich bei mir: Eigentlich fehlt jetzt nur noch jemand mit offensichtlich zur Schau gestellten körperlichen Leiden. Entgegen Frau D.´s Karmaanalysen meinerseits muss ich doch einen ganz pasablen Draht nach oben haben, denn dieser Wunsch wurde mir glatt erfüllt. Es erschien mir so zu sagen eine Mitt-Fünfzigerin mit Unterwäsche-Tick, die mich offen fragte, welche Art Unterwäsche man bei einen Pilzinfektion zu empfehlen wüsste (denn unter eben jener leide sie, nachdem sie kürzlich ihre Ernäherung - die zuvor nur aus Cappuccino und Schokolade bestanden habe - umgestellt hätte). Cool bleiben, neutral, höflich, distanziert, mahnte ich mich. Alles in Ordnung. Nun, am Besten kochbare, war mein Tipp. Nein, dass hätte ich nicht tun sollen. Ich hätte nicht anfangen sollen, sie zu beraten. Denn damit begnügte sie sich nicht, sondern begann mich ohne Ende zu löchern..... Kurz: Es wurde ein laaanger Abend. Ich musste mich mit zutraulichen Fragen abfinden, musste sie in aller Höflichkeit zurecht weisen, dass es sie nichts anginge, welche Art von Unterwäsche ich trage und ich lernte den Unterschied zwischen Baumwolle, die man bei 40° und jener die man bei 60° kocht...

Ich weiß nicht, ob all diese Sachen Zufall waren. Eigentlich glaube ich es nicht. Sicherlich enthalten all diese Begegnungen eine Essenz, die ich noch nicht ganz abgefiltert habe. Es war amüsant, dass muss ich zugeben. Zumindest hinterher. Und natürlich begegnet man jeder Menge anderer Menschen, von deren Schicksalen und privaten Zuständen man ein wenig mitbekommt. Da sind lustige kleine Anekdoten darunter, aber auch traurige. Und es war wirklich interessant, dieser Ausflug ins Verkäuferdasein. So interessant, dass ich nun öfter dort arbeiten werde... Denn es ist nett, mit Menschen in Kontakt zu kommen, wenn dieser Kon-takt auch manchmal etwas weniger intensiv ausfallen könnte. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel und ehrlich - dass ist doch auch ganz gut so.

In diesem Sinne: Baumwolle on!


Dienstag, 18. März 2008

"Und als die Welt sich vor meinen Augen verkroch, davon schlich, verschwand, verkroch sie sich in dir. Ich habe mich daraufhin davon geschlichen und bin in dir verschwunden und habe mich selbst und meine Welt gefunden und nun liegt noch dein Herz in meiner Hand."

E.L. für H.U.R.K.

Freitag, 7. März 2008

Kommt, lasst uns streiken!

Meine Güte, muss das für ein Tag sein für alle Journalisten, Polittalker, Parteigenossen und Eisenbahner Deutschlands?!? Die Schlagzeilen überschlagen sich rund um SPD, GDL und co. und dennoch vermisse ich die eine, die wirkliche große Schlagzeile dieses Tages, die, die alle zusammenfasst und übertitelt. Wie etwa: "Was die Franzosen können, können wir auch! - Deutschland im Dauerstreik" oder "Stell dir vor es ist Streik - und alle machen mit".

In Berlin geht bereits jetzt kaum noch etwas. Die BVG streikt und so gut wie alle U-Bahnen, Tramen und Busse stehen still. Schon jetzt muss immer wieder die Polizei anrücken um die Menschenmassen zu beruhigen und ihnen Wege aufzuzeigen, wie sie sich doch noch in die überfüllten Ersatzbusse quetschen können.

Wie vor wenigen Minuten berichtet wurde, sind die Verhandlungsgespräche der GDL mit Transnet und der GBDA geplatzt. Damit stehen die Chancen denkbar schlecht, dass es noch vor dem Beginn der angekündigten Streikwelle der Lokführer am Montag zu einer Einigung zwischen der Bahn und der GDL kommen wird.

Im öffentlichen Dienst wird kräftigt gestreikt und nun müssen gar Schlichter hinzugezogen werden. Sollte es nicht bald zu einer Einigung kommen droht Verdi ab April mit massiven bundesweiten Streiks.

Und was ruft es aus der SPD? Streik der (hellrot-hessischen) Genossen! Ypsilanti am Ende! Beck in Erklärungsnot! Ojeoje....

Jahrelang haben wir ins dauerstreikende Frankreich geblickt und die aufständigen Massen in Paris, Marseille und Clermont-Ferrand mit zweierlei Augenmaß betrachtet: Kopfschüttelnd, lief es bei uns in Deutschland recht fluppig. Neidvoll, versuchten sich einige Gewerkschaften an Streikaufrufen und kaum ein Arbeitnehmer wollte sie, sei es aus angst um den Arbeitsplatz, Resignation oder Streikmüdigkeit, wirklich hören.

Deutschland war nie ein Streik-Land gewesen. "Uns geht es halt immer noch vergleichsweise zu gut" war da immer mal wieder zu hören. "Was sollen wir streiken, das bringt doch eh´ nichts" lautete ein weiteres Statement, warum es mit dem organisierten Streik einfach nicht recht klappen wollte. Während in Frankreich oder Italien zu Streikzeiten nichts mehr ging, bemerkten deutsche Verbraucher oder Kunden kaum auch nur den Hauch einer Streikbewegung. "Wir streiken!" - Ach ja?

Diese Haltung scheint sich in den letzten Wochen und Monaten zu verändern. Ein Ruck geht durch deutsche Arbeitnehmerverbände und Gewerkschaften. Was der Schell kann, können wir das nicht auch? Denn: Wird ein Weg gefunden, Wirtschaftszweige zu blockieren, weht es stürmisch in Politik und Wirtschaft. Druck entsteht, der Streik müsse abgewendet oder schnellstmöglich beigelegt werden. Die Deutschen bemerken: Streik bewegt. Man muss sich doch nicht alles bieten lassen. Gewerkschaften haben tatsächlich Sinn!

Im Falle von der Ypsilanti Andrea sägen streikende Parteigenossen am roten-roten Stuhl. Die SPD steckt mitten im Chaos und muss sich neu formieren. Welche Rolle die Linke dabei spielen wird bleibt abzuwarten, aber sie ist sicherlich einer der politischen Gewinner jener streikenden Partei, die nicht mit ihnen will aber nicht ohne sie kann..

Ich streike, du streikst, alle streiken? Na, das vielleicht noch nicht. Aber die stetigen Meldungen über streikende Firmen und Branchen werden sicherlich ein Umdenken in deutschen Betrieben bewirken. Kommt, lasst uns streiken!

In diesem Sinne, streik on!

Donnerstag, 28. Februar 2008

"Noch fünf E-Mails und zwei Powerpoint-Folien bis zum Boarding"*

---OHNE WORTE---

*http://www.ftd.de/karriere_management/rezensionen/:Wirtschaftsbücher

Dienstag, 19. Februar 2008

Die Indianer konnten die Einwanderer nicht stoppen. Heute leben sie in Reservaten.

Ich war zu Besuch in einer kleinen 20.000 Einwohnerstadt in Oberfranken, im "Tor zur fränkischen Schweiz". Im Moment ist die Stadt dank der vielen dort aufgehängten Plakate ein wenig bunter, die wunderschöne, von Fachwerkhäusern und verwinkelten Gassen geschmückte Innenstadt dank vieler kleiner zusätzlicher Stände ein wenig beengter und überfüllter als üblich: Es ist Wahlkampf. Genau gesagt findet dort in wenigen Tagen eine Kommunalwahl statt.
Das gemütliche Flanieren durch die Geschäfte und Straßen fiel schwer, da sich ein Parteistand an den anderen reihte und vor und hinter jedem Stand ein Truppe Wahlkampfhelfer und "Listen-"Gesichter Flyer verteilte und Gespräche mit potentiellen Wählern suchten. In all dem Trubel um SDP und FDP und die Freien Wähler fiel mir ein Stand ins Auge: Der der "Republikaner". Allein der Parteiname ließ mich kurz stutzen; man kann sich meine ungläubige Miene vorstellen, als ich das Wahlplakat dieser Partei erblickte. Darauf stand in weißen Lettern: "Die Indianer konnten die Einwanderer nicht stoppen. Heute leben sie in Reservaten. Deshalb wählen Sie blau. Die Republikaner." Ich musste schlecht träumen. Das konnte doch nicht wahr sein! Mit offenem Mund stand ich davor und dachte bei mir, dass es doch unmöglich echt sein konnte, dieses Plakat. Der graumelierte Flyermann, der vor dem Stand auf und ab ging, um seine Programm vielen ahnungslosen Menschen in die Hand zu drücken, sah meine Verwunderung. Ich schüttelte lautstrak den Kopf und meinte wieder nur diesen einen Satz meiner Gedanken: "Das kann doch nicht wahr sein!". Darauf sah er mich ganz verdutzt an, und bot mir klugerweise keinen Flyer an. Klugerweise.

Doch es ist wahr. Und diese fremdenfeindliche Wahlparole um Indianer, Einwanderer und Reservate ist wahrlich nicht neu. Ein Blick ins Internet verriet mir mehr: Zuerst ist diese Parole wohl in Österreich aufgetaucht. Schon 2003 warb die niederösterreichische "Sozialistische Jugend" damit.* Und der österreichische "Ring Freiheitlicher Jugend" druckte und beklebte ein Jahr später unzählige Masten, Laternenpfähle und freie Flächen in den Gebieten um Salzburg, Wien und der Steiermark mit Aufklebern, auf denen dieser Spruch zu lesen war.**
Im September 2007 wurde von einer östereichischen Abgeordenten ein Entschließungsantrag eingebracht, der auf ausländerfeindliche Aktivitäten und Forderungen seitens des RFJ hinwies und die Bundesministerin für Gesundheit, Familie und Jugend dazu aufforderte, an den RFJ gewährte Förderungen zurückzuordern und von weiteren Förderungen Abstand zu nehmen.***

2006 schwang auch in Deutschland ein bekannter Politiker große Reden über eine deutsche "Leitkultur", "Stolz" und "Indianer": Oberhäuptling und nun wohl ehemaliger 2. Mann der CDU hinter Frau Merkel: der hessische Quasiministerpräsident Roland Koch. Spiegel online zitierte Koch folgendermaßen: "Deutschland sei kein Einwanderungsland wie Amerika, wo von der ursprünglichen Kultur der Indianer 'nichts mehr übrig' sei. 'Man könnte einfach sagen: Wir sind mehr als die Indianer', schlussfolgerte Koch."**** Dabei bediente er sich näher dem Parteiprogramm der sächsischen NDP (und ihren östereichischen Freunden), als ihm vielleicht in diesem Moment bewusst war. Natürlich folgte Kochs Rede prompt eine scharfe Kritik seitens der hessischen Opposition. Sein Glück war allerdings, dass seine Rede kaum durch die Medien verbreitet wurde und nur wenige Menschen außerhalb Hessens etwas davon erfuhren.

Dass es neben links und Mitte auch noch ein Rechts gibt ist allgemein bekannt. Auch das jedem Menschen laut dem Grundgesetz freie Meinungsäußerung zugestanden wird. Und jedem meint jedem. Auch wenn sich Gruppen, denen die Mehrzahl der in Deutschland lebenden Menschen gerne den Mund verbieten würde, zu bestimmten Themen äußern, die von ihnen besser unkommentiert blieben. Hier erschließt sich ein Konflikt: Freie Meinungsäußerung versus ausländerfeindliche Parolen. Und letzteres ist strafbar. Glücklicherweise.
Für die anstehenden Kommunalwahlen im "Tor zur fränkischen Schweiz" bleibt zu wünschen, dass möglichst wenige Menschen ihr Kreuzchen den "Blauen" geben. Und die Wahlplakte der Republikaner bald schon im Altpapier landen. Damit nach deren Recyclung wieder etwas wirklich nützliches darauf entstehen kann. Vielleicht eine weiße Taube. Oder schärfere Gesetzte gegen Diskriminierung, die auch im Alltag greifen.

In diesem Sinne: vote it out!


* http://www.wno.org/newpages/lch20.html
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http://no-racism.net/article/923/
***
http://www.parlament.gv.at/PG/DE/XXIII/A/A_00367/fnameorig_087479.html
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http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,418605,00.html

Mittwoch, 6. Februar 2008

Post-Magisterarbeit

Ich kann es nicht glauben, doch ich hab mich gekniffen. Es muss also stimmen. Ich habe meine Magisterarbeit abgegeben! Mehr als ein halbes Jahr habe ich nun auf diesen Moment hingearbeitet - dass ich ins Prüfungsamt schlappe, meine Arbeit in doppelter Ausführung unter dem Arm, hinein ins Büro der netten Frau D. gehe und freudestrahlend, pfundweise erleichtert wieder hinaus tanze. In den Sonnenschein, in ein neues Leben.
Stattdessen war ich so müde und überarbeitet, dass ich mich mit Ach und Krach nach Hause geschleppt habe und nur noch ins Bett gefallen bin. Sonnenschein? Eher wolkenverhangen, mein Himmel, und träääge.

Tja, jetzt, wo ich den Post überarbeite, sind ein paar Tage vergangen seitdem (genauer gesagt 2) und was ist geschehen? Muss ich mich noch immer kneifen? Setzte ich mich instinktiv an den PC, schalte ihn an, nur um zu sehen, dass schon alles getippselt wurde? Keine Korrekturen? Keine Panikattacken mehr? Und bis zu den Prüfungen ist es auch "noch" ein halbes Jahr....

Ich habe mir nun also eine Liste erstellt. Soweit musste es kommen. Ich habe mir eine Liste erstellt. Und darauf geschrieben, wie ich meine, nun freie, Zeit in ferner Zukunft zu planen gedenke. Darauf stehen so leicht zu vergessende Sachen wie Jobsuchen. Bewerbungen schreiben. Aufräumen (schon abgehakt, puh...). Nach Berlin fahren und Freiheit schnuppern.... Braucht es dafür Worte? Und schon gar Listen? Wahrscheinlich wir die freie Zeit eh ganz schnell vorbei gehen!

Jetzt heißt es erst einmal, runter kommen und Schlaf nachholen. Und Konzertina spielen, denn über die Konzertina handelte meine Arbeit und so bleibt mir ein Teil jener erhalten. Hätte mich nicht im letzten Moment noch die Muse geküsst, wäre ich nie auf dieses wundervolle, vom Aussterben bedrohten Instrument gestoßen und hätte es sogar spielen gelernt.

Während also viele meiner Freunde ihre Arbeit einfach nur abgeben, sie nicht einmal ein eigenes Exemplar davon für sich selbst drucken lassen, streiche ich zärtlich über mein Instrument und freue mich. Über die Klänge, die es hervorbringt. Über die Liste, der es aus unerfindlichen Gründen bedurfte, um einen Geschmack meiner neuen Freiheit zu bekommen. Über den Sonnenschein.

In diesem Sinne, list on!

Montag, 4. Februar 2008

Alaaf! Helau! ...Ääh... FRANKONIA!!

Tjaja so ist das: ein Samstagabend Anfang Februar in einer mittleren Stadt in Franken (der nördliche Teil Bayerns, nicht so wichtig) ... Das ewige Schreiben macht mürbe, die Presse schweigt, Roland Koch ist erkrankt und Anne Will kommt erst morgen... was tun?
Ach, es ist doch Faschingszeit, sicher gibt es doch eine Faschingsparty mit lustiger Musik, schunkelnden Menschen und endlich, eendlich kann man das vor 3 Jahren gekaufte und nie getragene Kostüm aus den Tiefen des Kleiderschranks ans Tageslicht zerren! Und tatsächlich!Helau! Alaaf! Wasauchimmer!

Als Zugereister merkt man schnell die kleinen Niedlichkeiten (Ober-)Frankens. Regel Nr. 1: 'Haste keine Feste, mach dir welche!' Deshalb wird (zumindest im Sommer) jedes Wochenende ein anderes Fest veranstaltet: Da gibt Marathone mit Blasmusik und Bierbänken, Straßenzirkusse mit Blasmusik und Bierbänken, Live-Übertragungen aller Sportivitäten mit Blasmusik und Bierbänken und natürlich hat jede Straße auch ihr ganz eigenes persönliches intimives Fest mit Blasmusik. Und Bierbänken.
Zur Faschingszeit ist das nicht anders. Nur ist es zu kalt für Bierbänke... Also werden an Faschingsdienstag einfach alle Läden der Innenstadt ab 12 Uhr geschlossen. In meinem ersten Jahr hier, flog ich deshalb auch schnurstraks aus einem großen Kaufhaus heraus. Ehe ich mich noch versah, stand ich auf der Straße ... um mich im nächsten Moment inmitten einer Horde toll gewordener Franken wiederzufinden. Die Biene Maja .. oder war das nicht die Drogeriefachangestellte? Den Teufel da kenn ich... mein Busfahrer!! Ja, so läuft das. Haste keine Feste...

Nach vierjähriger Verweigerung und dem Umzug vom Zentrum in den Norden der Stadt blieb mir also an diesem Samstagabend Anfang Februar in einer mittleren Stadt Frankens nichts anderes übrig, als den Fasching hier zu feiern, mich treiben und überzeugen zu lassen. Der Protest hatte ein Ende, ich war besiegt.

Im Hexenkostüm mit Schnürkorsett und aufgemalter Warze gings also rein ins Auto, raus aus der Tiefgarage und ab in die Kneipe, die heute keine Kneipe war. Stattdessen verlangte der Wirt Eintritt (ohoo! Ein Qualitätsmerkmal...oder eher Quantitätsangelegen... naja egal) und die Stühle und Tische mussten einer tanzwütigen Menge weichen. Kaum hatte man sich in die Mitte des Raumes durchgequetscht (und den Eintrittspreisschock überwunden) kam die große Überraschung: Es war Fasching und keiner war verkleidet! Ich war fast peinlich berührt... das Hexenkostüm.. das Schnürkorsett.. die aufgemalte Warze!! Alle starrten und ich war fassungslos! Und von wegen Schunkelmusik... Die einzige Zeit im Jahr, in der man die Musik DJ Ötzis und seiner Freunde gerne mitgrölt ist doch JETZT!?! Man WILL doch gerade solche Art von Musik hören (auch wenns natürlich keiner ausspricht)! Alle WOLLEN DOCH Polonaise, spärlich bekleidete Friseusen und Nelken im Knopfloch die nicht zum Hemd passen... Doch Fehlanzeige. Die Menge tanzte zu Blur und Wir-klingen-wie-Blur-und-sinds-doch-nicht und Wir-möchten-wie-Blur-klingen-doch-schaffens-einfach-nicht. Und ich mit meiner aufgemalten Warze...

Immerhin, der Abend war kurz doch hoch interessant. Denn sicherlich ist keinem, der dabei gewesen ist, auch nur irgendetwas komisch vorgekommen. Verrückt. ENTrückt. Nein, sicher nicht! Denn SO feiert man Fasching nun einmal in Franken. Mit Jeans und T-Shirt und Diskos die eigentlich Kneipen sind und Eintritt, der keinen Bedarf, und Blur. Ich habe es vorher einfach nicht besser gewusst. Deshalb bin ICH diejenige, der alles irgendwie komisch und verrückt vorkam. Ich hatte falsche Vorstellungen, falsche Erwartungen und es war höchste Zeit, damit aufzuräumen. Fasching ist kein Fest der Franken. Es gibt nicht einmal ein Wort, dass man hier schreit wie "Alaaf" in Köln oder "Helau" in Mainz. Es wurde adoptiert, so dass wildgewordene Horden morgen durch die Straßen strömen können und alle Geschäfte schließen und kein Bus mehr fahren wird. Fasching ist KEIN Fest der Franken! Doch leider weiß das die 10. Generation der Franken nicht mehr...
Deshalb bleibt ein Vorsatz: Nächstes Jahr gehts nach Kölle! Und daaannnn....

In diesem Sinne: Kamelle on!