Die letzten Wochen waren stressig-schön. Nein!, schön-stressig. Ich hatte doch tatsächlich Urlaub!
Nach 90-Stunden Arbeitswochen und viel beruflichem Tam-tam, habe ich mir eine kurze Auszeit genommen. Jene führte mich in etwas mehr als zwei Wochen von Schwaben nach Thüringen, auf eine Ostfriesische Insel, nach Franken, nach Schwaben, nach Frankreich, nach Schwaben, nach Franken nach Schwaben. Oder auch: 3, 500 Kilometer kreuz und quer mit dem Auto. Vom Flachland-Kessel ans Meer, in die Berge und wieder zurück. Bilder würde ich hier gerne online stellen, aber da ich und der technische Fortschritt nicht die besten Freunde sind, liegen die Bilder meiner analogen Kamera noch beim Drogeriemarkt.
Wer mich kennt, weiß, ich bin wie ein Kind, dass zum ersten Mal in seinem Leben Schokolade isst, wenn es um die Betrachtung von Dingen oder Landschaften geht, die mir im Alltag sonst nicht begegnen. Ich habe auf jener Insel zum zweiten Mal das Meer gesehen und mich verliebt in jeden einzelnen Tropfen. Habe dem Sturm getrotzt, bin auf Leuchttürme geklettert und habe in nicht ganz einer Woche einmal die komplette Insel umlaufen. Dabei muss mich jeder, der mir begegnet ist, für nicht von diesem Kontinent gehalten haben, denn mein heißgeliebter analoger Fotoapparat bommelte die ganze Zeit um meinem Hals. Dazu lugte unter der Kapuze meiner Windjacke nur noch meine Oberlippe und die Nase hinaus und in beiden Händen hielt ich je eine Plastiktüte. Eine für die Austernschalen, die ich so schön finde, und eine für den Sand, den ich illegal von der Insel geschleppt habe. Wenn ich etwas tue, dann mit vollem Einsatz. Zum Abschied ging es mit dem Schiff zurück aufs Festland, vorbei an Seehundbänken. Wie viele Seehunde es waren, weiß ich nicht, doch zu der Zeit, da ich auf der Insel war, führte eine Helikopterstaffel eine Seehund-Inventur über der Nordsee durch. Wenigstens die Dame von den Radionachrichten hat es geschafft, bei diesem Wort nicht in Lachen auszubrechen.
Dass ich zum ersten Mal in meinem Leben gebräunt durchs Leben laufe, habe ich der französischen Sonne zu verdanken. Nach Frankreich ging es fast direkt im Anschluss für ein paar Tage. Genauer war es eine süße mittelalterliche Stadt in den Rhone-Alpes, gelegen an einem wunderschönen hellgrünen See, umrandet von Bergen, Bergen, Bergen. Jedes Jahr findet in dieser Postkarten-Idylle das weltgrößte Film-Festival für Animation statt. Und so vergingen die Tage schnell mit Stadtbesichtigungen, im See baumelnden Füßen, Empfängen, dem Pflegen von Kontakten, Filme schauen, Ausflügen in den Bergen, Rettungsaktionen vor sich unbeirrt nähernden Kuhherden und schlechten Frühstücken. Dabei wurde mir auch wieder klar, dass Vorurteile manchmal ihren Namen zu Unrecht tragen. Den sie sind schlicht und einfach Realität:
Die Franzosen können kein Englisch. Ein internationales Festival, das ganze Filmprogramme auf Französisch ohne Untertitel zeigt, ist ein Schock. Egal wo ich es versuchte, im Hotel, im Einrichtungsladen, auf der Straße, die Franzosen weigern sich schlichtweg, eine auf Englisch gestellt Frage nicht auf Französisch zu beantworten. 60% der im französischen Radio gespielten Titel müssen in französischer Sprache gesungen sein. Die heimliche Quote liegt bei 95%, und die einzige englische Sängerin die gespielt wird, ist Whitney Houston. Und dass, obwohl niemand ihre Namen richtig aussprechen kann (der Radiomoderator versucht es erst gar nicht).
Die Franzosen haben das schlechteste Frühstück Europas. Jeden Morgen dasselbe Bild des Grauens: vertrocknetes Baguette, vertrocknete Milchbrötchenteig-Croissants, Butterersatz, Sirup mit Wasser als Orangensaft deklariert, Marmelade mit 80%-Zucker Anteil. C´est tout. Nach dem ersten Schluck des verdünnten Orangenaromasirups hieß es dann jeden Morgen: Non Madame, merci. Das kam schlecht an bei Madame. Sehr schlecht.
Die Franzosen essen ständig Baguette. Was den Deutschen die Kartoffeln, den Asiaten der Reis, das ist den Franzosen… nun ja. Dreimal täglich trocken-bröselige Teigstangen essen war genug. Gegen Ende des Aufenthalts bin ich in Streik getreten, wurde allerdings eines Besseren belehrt und musste meine Prinzipien über Bord werfen. 12 Euro für eine Pizza? 20 Euro für Reis mit Gemüse? So bringt man Nationalgüter an Rest-Europäer-Banausen.
Jetzt ist die Zeit der Muse vorbei und es wird wieder geklotzt. Nicht mehr lange, zum Glück, genau gesagt noch drei Wochen. Dann heißt es wieder einmal Kisten packen. Ein Jahr kann noch so schöne Urlaube mit sich bringen. Ohne mindestens eine Umzug wäre es doch langweilig.
Montag, 15. Juni 2009
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